Schnel­ler ler­nen durch Post­mor­tem

Schneller lernen durch Postmortem

Dass es in Inno­va­ti­ons­pro­zes­sen pri­mär dar­um geht, mög­lichst vie­le Feh­ler zu machen, ist ein weit­ver­brei­te­tes Miss­ver­ständ­nis. Viel­mehr liegt der Fokus dar­auf, aus Feh­lern zu ler­nen und mit­hil­fe des gewon­ne­nen Wis­sens neue Din­ge aus­zu­pro­bie­ren. Aller Anfang ist schwer und beim ers­ten Mal wird sel­ten alles rich­tig gemacht – wenn etwas schief geht, han­delt es sich aber streng genom­men nicht um Feh­ler, son­dern um einen Lern­pro­zess, aus dem die rich­ti­gen Schlüs­se gezo­gen wer­den soll­ten. Mit der Post­mor­tem-Metho­de könnt ihr Feh­ler und ihre Ursa­chen trans­pa­rent machen, sodass euer Team, oder gar das gesam­te Unter­neh­men, dar­aus ler­nen kann. 

Inno­va­ti­on durch Ver­bes­se­rung

Feh­ler und Inno­va­tio­nen sind durch den Lern­pro­zess also untrenn­bar mit­ein­an­der ver­bun­den. Unse­rer Mei­nung nach soll­ten auf­tre­ten­de Feh­ler daher als will­kom­me­ner Ent­wick­lungs­schritt zu digi­ta­ler Inno­va­ti­on gese­hen wer­den. Das funk­tio­niert aller­dings nur unter den rich­ti­gen Rah­men­be­din­gun­gen. Und wie erreicht man die­se genau? Wie könnt ihr als Vor­ge­setz­ter oder Teil­neh­mer eines Pro­jek­tes durch euer all­täg­li­ches Han­deln eine ent­spre­chen­de Lern­kul­tur för­dern? 

Als Kern­punk­te hal­ten wir fol­gen­de Kri­te­ri­en fest: 

Feh­ler früh­zei­tig erken­nen
Feh­ler kri­tisch reflek­tie­ren
Erkennt­nis­se fest­hal­ten und mit allen tei­len

Post­mor­tem. Also nach dem Tod?

Die meis­ten Men­schen ken­nen den Begriff Post­mor­tem wahr­schein­lich aus TV-Kri­mi­nal­se­ri­en und ver­bin­den ihn mit allem, was mit einem Mord­op­fer nach des­sen Able­ben pas­siert. Auch in der Rea­li­tät ist die Post­mor­tem-Vor­ge­hens­wei­se schon seit lan­ger Zeit fest in der Medi­zin ver­an­kert – doch tat­säch­lich dient eine Aut­op­sie nur zweit­ran­gig der Auf­klä­rung von Todes­fäl­len. Viel­mehr hilft sie bei der Gewin­nung von Erkennt­nis­sen, die den Ärz­ten in Zukunft eine bes­se­re Behand­lung von Pati­en­ten erlaubt, die an einer ähn­li­chen Erkran­kung lei­den wie die ver­stor­be­ne Per­son. 

Auch im Umfeld der Soft­ware­ent­wick­lung ist das Post­mor­tem bereits gut eta­bliert. Einen Groß­teil des Arbeits­ta­ges ver­brin­gen Programmierer:innen damit, nach Soft­ware­feh­lern zu suchen. Wur­de ein Feh­ler gefun­den und beho­ben, wird die Her­an­ge­hens­wei­se meist detail­liert beschrie­ben und nicht nur mit dem eige­nen Team, son­dern einer kom­plet­ten Com­mu­ni­ty (bspw. Git-Hub), geteilt. 

In den letz­ten Jah­ren hat sich die Vor­ge­hens­wei­se in fast allen Unter­neh­mens­be­rei­chen ver­brei­tet, um mit einer struk­tu­rier­ten Ana­ly­se wich­ti­ge Erkennt­nis­se für zukünf­ti­ge Pro­jek­te und Pro­dukt-Laun­ches zu gewin­nen. Mit Hil­fe des Post­mor­tems kön­nen: 

Feh­ler und deren Ursa­chen trans­pa­rent doku­men­tiert wer­den,
Pro­jekt­teams ermu­tigt wer­den, kon­struk­ti­ves Feed­back zu geben und kri­ti­sche Pro­ble­me offen anzu­spre­chen,
Feh­ler­kul­tur und Arbeits­at­mo­sphä­re im Unter­neh­men posi­tiv beein­flusst wer­den,
Daten, Ideen und Lösun­gen in kur­zer Zeit gesam­melt wer­den.

How to – Work­shop Agen­da

Die Durch­füh­rung eines Post­mor­tems bedarf nicht viel Vor­be­rei­tung, soll­te aber den­noch gewis­sen­haft durch­ge­führt wer­den, damit der Work­shop einen offi­zi­el­len und kei­nen After­hour-Cha­rak­ter bekommt. 

Teil­neh­men­de: Alle Betei­lig­ten eines Pro­jek­tes
Mode­ra­ti­on not­wen­dig
Dau­er: 60–180 Minu­ten, je nach Anzahl der Teil­neh­mer
Zube­hör: Agen­da mit Time­bo­xes
Mate­ri­al: White­board

#1 Review der Pro­jekt­zie­le (10 Minu­ten)

Hier soll­tet ihr euch selbst und allen Teil­neh­men­den die wich­tigs­ten Eck­da­ten des Pro­jek­tes in Erin­ne­rung rufen: Was woll­tet ihr ursprüng­lich errei­chen? Wel­che Zie­le und Erfolgs­kri­te­ri­en habt ihr zu Beginn des Pro­jek­tes fest­ge­legt? An die­ser Stel­le ist das Pro­to­koll eines Kick­off Mee­tings enorm hilf­reich (das natür­lich alle sehr gewis­sen­haft ange­legt haben ?). 

#2 Review der Pro­jekt­er­geb­nis­se (10 Minu­ten)

Keep it simp­le: Ver­gleicht ein­zeln oder in Grup­pen die Ergeb­nis­se mit den Zie­len und teilt eine kur­ze Ein­schät­zung mit dem Ple­num. Habt ihr die ursprüng­lich anvi­sier­ten Zie­le erreicht? In wel­chem Umfang? Bei sehr gro­ßen Grup­pen kann auch ein ein­fa­ches „Dau­men hoch/Daumen run­ter“ Bewer­tungs­sys­tem ein­ge­führt wer­den. Wich­tig ist, dass ihr an die­sem Punkt noch nicht eru­iert, wes­halb etwas nicht erreicht wur­de. 

#3 Ein­zel­ana­ly­se (20 Minu­ten)

Jetzt geht es ans Ein­ge­mach­te. Seziert allein oder in Klein­grup­pen, war­um das Pro­jekt so ver­lau­fen ist, wie es ver­lau­fen ist. Dabei kon­zen­triert ihr euch am bes­ten an fol­gen­den Eck­pfei­lern eines Pro­jekts: Pla­nung, Umset­zung, Ergeb­nis­se, Kom­mu­ni­ka­ti­on. Notiert die Ergeb­nis­se vor­erst auf Post-its und tragt sie anschlie­ßend zusam­men. Zur Unter­stüt­zung die­nen fol­gen­de Leit­fra­gen:

  • Was lief gut?
  • Was lief schlecht?
  • Wo hat­ten wir schlicht­weg nur Glück?

#4 Review der Pro­jekt­er­geb­nis­se (20 Minu­ten)

Clus­tert und dis­ku­tiert nun die Ergeb­nis­se aus Schritt 3. Ver­sucht gemein­sam, die Ursa­che her­aus­zu­fin­den und – viel wich­ti­ger – über­legt, wie sich das in Zukunft ver­hin­dern lässt. Dar­aus ent­steht eine kon­kre­te Lis­te mit Auf­ga­ben, die idea­ler­wei­se direkt einem Ver­ant­wort­li­chen zuge­ord­net wird. 

#5 Post­mor­tem ver­fas­sen und ver­bes­sern (Nach­gang)

Fasst die Ergeb­nis­se in einem schrift­li­chen Post­mor­tem stich­punkt­ar­tig zusam­men. Ein wenig Fließ­text ist auch okay. Hebt die wich­tigs­ten Erkennt­nis­se und dar­aus resul­tie­ren­den Auf­ga­ben inklu­si­ve Zustän­dig­kei­ten her­vor. Es emp­fiehlt sich, den ers­ten Post­mor­tem-Ent­wurf im klei­nen Kreis zu zir­ku­lie­ren, um von eurem Team, der Abtei­lung oder aus­ge­wähl­ten erfah­re­nen Kol­le­gen Feed­back zu erhal­ten.

Am sinn­volls­ten ist die Post­mor­tem-Ana­ly­se, wenn ihr sie kon­ti­nu­ier­lich ein­setzt, um einen Kul­tur­wan­del im Unter­neh­men zu erzie­len. Feh­ler wer­den über­all und immer wie­der began­gen. Ent­schei­dend für den Erfolg ist, wie ihr damit umgeht. 

Und wie sieht das Gan­ze kon­kret in der Pra­xis aus? In einem wei­te­ren Arti­kel haben wir ein paarTipps und Best Prac­ti­ces für das Post­mor­tem für euch zusam­men­ge­fasst.